Perspektivenwechsel im Unterholz
Warum ich mich zum beWild-Guide ausbilden ließ
Hast du dich beim Wandern, Mountainbiken oder Skifahren schon einmal gefragt, wer eigentlich alles zusieht, wenn Du durch Wald und Flur deine Runden ziehst? Wenn das saftige Grün des Frühlings uns nach draußen lockt, vergessen wir im Rausch der eigenen Aktivität schnell, dass wir uns nicht in einer bloßen Kulisse bewegen.
Wir spazieren geradewegs durch das Wohn-, Ess- und Schlafzimmer wilder Tiere. Genau diese Erkenntnis hat mich vor Kurzem nach Stuttgart, ins Haus des Waldes, zur Fortbildung der Initiative BewusstWild geführt. Es war ein Wochenende, das meinen Blick auf den heimischen Wald für immer und nachhaltig verändert hat.

Vom Suchen und Finden neuer Rollen
Die Ausbildung zum beWild-Guide ist kein theoretischer Frontalunterricht. Sie ist ein lebendiges Erleben, das genau dort ansetzt, wo Natur- und Artenschutz eine Stimme brauchen: auf Augenhöhe mit den Menschen. Das Besondere an dieser Schulung wurde mir direkt in den ersten Übungen klar. Unsere Ausbilderinnen Mirjam und Leonie schafften es mit Leichtigkeit, uns in völlig unterschiedliche Rollen schlüpfen zu lassen.
Mal waren wir die klassischen Guides, die eine Gruppe leiten. Im nächsten Moment schlüpften wir in die Rolle neugieriger Kinder, die spielerisch die Welt entdecken. Am tiefsten bewegt hat mich jedoch der Moment, als wir die Perspektive der Tiere einnahmen. Wenn man plötzlich nachempfindet, wie ein scheues Reh, ein Rebhuhn oder ein Auerhuhn den unerwarteten querfeldein-rasenden Mountainbiker oder den nächtlichen Stirnlampen-Wanderer wahrnimmt, verändert sich etwas tief im Inneren. Aus Unwissenheit wird plötzlich echtes Mitgefühl.

Das "Wie" entscheidet: Spielerisch Werte vermitteln
Es geht bei bewusstWild nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger Verbote auszusprechen. Wildtiere nehmen den Menschen von Natur aus als Bedrohung und Fressfeind wahr – jede Flucht kostet sie in harten Zeiten, wie der Brut- und Setzzeit im Frühjahr oder dem eisigen Winter, überlebenswichtige Energie. Unsere Aufgabe als zukünftige Guides ist es, diese Zusammenhänge durch praxisorientierte Methoden und kleine Spiele begreifbar und nachfühlbar zu machen.
Wir haben gelernt, wie wir das fundierte Wildtierwissen so verpacken können, dass Wandergruppen oder Schulklassen nicht gelangweilt abwinken, sondern selbst zu Entdeckern und Schützern werden. Jedes Tool, das uns an die Hand gegeben wurde, lässt sich individuell auf die eigene Zielgruppe anpassen.
Ob eine kindgerechte Spurensuche im Unterholz oder ein interaktiver Workshop für Erwachsene – das Ziel bleibt gleich: Das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass ein respektvolles Miteinander im Wald kinderleicht ist, wenn man die einfachen beWild Guidelines beherzigt. Auf den Wegen zu bleiben und die Dämmerungs- und Nachtzeiten zu respektieren ist schon das Allerwichtigste.

Die leisen Wunder weitertragen
Ich habe diese Ausbildung mit einem Rucksack voller neuer Methoden, wertvoller Materialien und einer riesigen Portion Inspiration verlassen. Es ist die Begeisterung, die hier verbindet – getragen von den engagierten Naturparken und Kooperationspartnern, die diese wichtigen Fortbildungen und die Initiative überhaupt erst ermöglichen.
Als zertifizierter Guide möchte ich nun genau das tun, was mir am Herzen liegt: Menschen für die leisen Wunder unserer Natur sensibilisieren. Wenn ich das nächste Mal mit einer Gruppe im Wald stehe, werde ich ihnen nicht nur die Bäume zeigen. Wir werden gemeinsam lauschen, verstehen und lernen, wie wir uns so durch den Lebensraum der Tiere bewegen, dass sie auch nach unserem Vorbeigehen friedlich weiterschlafen oder fressen können.
Denn Schutz beginnt genau dort, wo das Verständnis füreinander wächst. Mein Dank gilt insbesondere unseren beiden Ausbilderinnen, Mirjam und Leonie von bewusstWild, dem Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord und den anderen Teilnehmern der Fortbildung, die den Tag so herzlich, offen und bereichernd mitgestaltet haben. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.








